Schizophrenia
PRAXIS Mini-Review Praxis 2014; 103(1): 2 7 - 3 2 27
Klinik für Forensische Psychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Friederike Boudriot, Angela Guldimann, Elmar Habermeyer
Schizophrenie und Gewalt Schizophrenia and Violence
Zusammenfassung
Schizophrene Menschen haben ein gegenüber der Ällgemeinbevölkerung erhöhtes Risiko, straffällig zu werden. Der weitaus überwiegende Teil schi- zophrener Patienten begeht jedoch keine Straftaten und das Risiko, von einer Gewalttat eines Schizophrenen betroffen zu sein, ist für die Ällgemein- bevölkerung gering. Die Ursachen von Dehnquenz bei Schizophrenen sind komplex, jedoch können bestimmte Risikomerkmale (z.B. eine begleitende Substanzabhängigkeit) benannt wer- den. Die Behandelbarkeit und Legal- prognose schizophrener Straftäter sind gut, was dafür spricht, dass bei Risiko- patienten durch Etablierung eines ge- eigneten Helfernetzes auch präventiv gearbeitet werden kann. Schlüsselwörter: Schizophrenie - De- linquenz - Gewalt - Risiko
Einleitung
Der Krankheitsbegriff der Schizophre- nie geht auf den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) zurück. 1911 veröffenthchte er seine richtungs- weisende Monographie «Dementia praecox oder Gruppe der Schizophre- nien» mit der er diesen Begriff in der medizinisch-psychiatrischen Fachwelt verankerte [1]. Etymologisch setzt sich der Begriff Schizophrenie aus den grie- chischen Wörtern «schizo» (ich spalte) und «phren» (Seele, Geist) zusammen. Er beschreibt die «Spaltung» bzw. das Äuseinanderfallen zentraler und übh-
cherweise integrierter geistig-seelischer Funktionen wie Denken, Fühlen und Wahrnehmung. Dementsprechend be- schreiben auch die modernen diagnos- tischen BGassifikationssysteme ICD-10 [2] und DSM-V [3] die Schizophrenie als schwere psychische Erkrankung, die durch Wahrnehmungsveränderungen (z.B. Halluzinationen, Verkennungen, Wahnwahrnehmungen) und Störungen des Denkens (z.B. formale Denkstörun- gen wie Gedankenabreissen, Gedan- keneinschiebungen und Zerfahrenheit, inhaltliche Denkstörungen mit Wahn- bildungen, Ich-Störungen), des Fühlens (z.B. verflachte oder unangemessene Affekte) und des Handelns (z.B. Des- organisation) imponieren. Hinsichtlich der vorherrschenden Symptomatik, des Verlaufes und der Prognose besteht eine zum Teil erhebliche Heterogenität. Dies findet Niederschlag in der Beschreibung verschiedener Prägnanztypen, die je- doch keine klar abgegrenzten Entitäten darstellen und innerhalb des Langzeit- verlaufes wechseln können [4]. Die Lebenszeitprävalenz schizophrener Erkrankungen liegt kulturübergreifend bei 0,6-1,0%. Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen, Männer er- kranken im Allgemeinen früher (15-25 Jahre) [5] als Frauen (25-35 Jahre). Die Häufigkeit der Erkrankung und die auf- grund des frühen Erkrankungsahers langen Verläufe machen deutlich, dass die Problematik nicht nur das psychia- trische Fachgebiet betrifft, sondern für viele medizinische Bereiche Relevanz hat.
Die Ätiopathogenese der Schizophrenie ist multifaktoriell [5]: Änlagebeding- te genetische bzw. prä- und perinatal
erworbene Faktoren (Infektionen im Mutterleib und/oder Geburtskomplika- tionen) führen über neuronale Entwick- lungsstörungen und damit verbundene Veränderungen der Konnektivität zu einer erhöhten Vulnerabilität. Lebens- geschichtliche Belastungen und/oder Substanzkonsum werden nachfolgend als Auslöser der klinisch erkennbaren Krankheitsentwicklung gesehen und beeinflussen deren Verlauf Weitere Ursachen der sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufe, die zwischen einer weitgehenden Erholung (1/3 der Fälle) und schweren Defizitsyndromen in ei- nem weiteren Drittel schwanken kön- nen, werden u.a. neurotoxische und immunmodulatorische Prozesse disku- tiert. Darüber hinaus ist wie bei vielen potenziell chronischen Erkrankungen die Compliance bezüglich der Medika- menteneinnahme, aber auch der Grad der Anpassung der individuellen Le- bensbedingungen an die Gegebenheiten der Erkrankung relevant.
Delinquenz
Das Krankheitsbild der Schizophrenie ist mit vielen Vorurteilen belastet: In der Ällgemeinbevölkerung aber auch bei Psychologie- und Medizinstudenten zei-
Im Artikel verwendete Abkürzungen:
CI Konfidenzintervall
DSM-5 Diagnostisches und Statistisches
Manual Psychischer Störungen, Fifth Edition
FU Fürsorgeriscbe Unterbringung ICD-10 internationale Kiassifikation
psychischer Störungen OR Odds Ratio
© 2014 Verlag Hans iHuber, Hogrefe AG, Bern DOi 10.1024/1661-8157/a001527
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gen sich negative Einsteüungen gegen- über Menschen mit Schizophrenie, wo- bei die Vorstellung, dass diese Personen rasch die Kontrolle über sich verlieren weit verbreitet ist und Stereotypien hin- sichtlich ihrer Gefährlichkeit bestehen [6,7]. Diese Haltung wird auf den ersten Blick durch unterschiedliche empirische Befunde gestützt: Schizophrene Men- schen sind in JustizvoUzugsanstalten überrepräsentiert [8], was für eine er- höhte Gefährdung, straffällig zu werden, spricht. In einer Metaanalyse [9], in der 20 Studien aus elf Ländern eingeschlos- sen waren, fand sich für Männer mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis ein ca. vierfach erhöh- tes Risiko für Gewalthandlungen (OR 4,0; 95%-CI 3,0-5,3) im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, für Frauen ein ca. achtfach erhöhtes Risiko (OR 7,9; 95%-GI 4,0-15,4). Das Risiko für Ge- walttaten ist bei komorbidem Substanz- missbrauch noch einmal stärker erhöht (OR für Schizophrene ohne Substanzab- hängigkeit 2,1; 95%-CI 1,7-2,7; OR für Schizophrene mit Substanzmissbraucb 8,9; 95%-CI 5,4-14,7). Betrachtet man nicht nur die relativen Risiken, sondern absolute Zahlen, dann relativieren sich die vorgenannten Ergeb- nisse: Trotz des erböhten Risikos, straf- fällig zu werden, begeht nämlich nur ein sehr kleiner Teü der Betroffenen, nämlich ca. ein Patient pro 2000 Krankheitsfälle, tatsächlich Gewaltdelikte. Das entspricht bei einer für die Allgemeinbevölkerung formulierten Basisrate von Gewaltstraf- taten von 1:10000 zwar einem deutlich erhöhten Risiko, die konkrete Gefähr- dung für die Allgemeinbevölkerung bleibt jedoch ausserordentlich gering: Bei einer Prävalenz schizophrener Erkran- kungen von 1% muss man 100 Personen treffen, um einem Erkrankten zu begeg- nen. Diese Zahl muss dann mit 2000 multipliziert werden, um die statistische Wahrscheinlichkeit eines Kontaktes mit einem gewaltbereiten Schizophrenen zu erfassen. Das Risiko, einen gewaltberei- ten schizophrenen Menschen zu treffen, liegt somit bei 1:200000. Die Gefahr,
Opfer eines Gewaltdeliktes zu werden, ist für die Allgemeinbevölkerung somit niedrig [10]. Dennoch ist das Thema für den Leser- kreis der PRAXIS nicht irrelevant, denn die vorab dargestellten Berechnungen haben wenig Relevanz für Angehörige und für Mitarbeiter des medizinischen Betreuungssystems. Da diese Personen engere bzw. häufigere Kontakte zu Be- troffenen haben, ist ihre Gefährdungsla- ge eine andere: Studien konnten zeigen, dass Opfer von Gewaltdelikten mehr- heitlich Personen aus dem näheren Um- feld waren, die Delikte wurden zumeist in der eigenen Wohnung bzw. Wohnum- gebung begangen (exemplarisch [11]). Die Gefährdungen betreffen somit we- niger die Allgemeinbevölkerung als viel- mehr das persönliche Umfeld und pro- fessionelle Helfer.
Mögliche Ursachen und Erklärungsmodelle
Psychopathologie und Delinquenz
Das vorherrschende psychopathologische Bild beeinfiusst die Ausgestaltung delin- quenten Verhaltens bei Schizophrenen. Entsprechend sind einige Prägnanztypen schizophrener Erkrankungen und ver- wandter Krankheitsbilder für die foren- sische Psychiatrie besonders bedeutsam (Tab. 1). In Anlehnung an diese Zusam- menhänge wurden 1) impulsive Taten mit starker Affektbeteiligung im Rabmen akuter Positivsymptomatik, 2) geplante (oft chronisch) wahnhaft motivierte Ta- ten und 3) «dissozial» anmutende Taten im Rahmen chronischer Verläufe mit so- zialer Verwahrlosung, Kritikminderung und Empathiemangel beschrieben [12]. Insbesondere für das Verständnis von Gewalthandlungen im Rahmen akuter Krankheitsstadien ist das Konzept der sogenannten «threat/control-override» Symptome relevant [13]. Hierbei han- delt es sich um einen charakteristischen Symptomenkomplex mit 1) bedrohlich erlebten Icb-Störungen (Betroffene ha-
ben das Gefühl, in ihrem Denken und Handeln von anderen kontrolliert, be- einfiusst bzw. beherrscht zu werden) und 2) der wahnhaften und massiv ängsti- genden Überzeugung, dass andere Men- schen einem Schaden zufügen woüen. In diesem Kontext spiegelt die Kriminah- tät betroftener Personen Defizite in der Realitätswahrnehmung bzw. -kontroUe wider, die direkt auf sogenannte Positiv- symptome zurückgehen. Unabhängig davon können aber auch sogenannte Negativsymptome in Form von kognitiven Leistungseinbussen und affektiven Veränderungen, die zu sozia- lem Rückzug und defizitären Problem- lösungsstrategien führen, Patienten in Belastungssituationen, z. T. aber auch in Alltagssituationen, massiv überfordern und insbesondere zu Schwierigkeiten bei der Einschätzung der Motive ihres Gegenübers führen. Ausserdem kommt es bei vielen chronischen Patienten im Zuge der krankheitsbedingten Persön- lichkeitsveränderung zu einem reduzier- ten Empathievermögen, wie es schon Bl- euler [1] als autistisches Grundsymptom der Erkrankung beschrieben hat. Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Auswirkungen der vorgenannten krank- heitsbedingten Faktoren durch vorab bestebende Persönlicbkeitsstörungen, komorbiden Substanzkonsum, aber auch durch krankheitsbedingten sozia- len Abstieg mit nachfolgend akzentuier- ten psychosozialen Schwierigkeiten und einem fehlenden Hilfesystem verstärkt werden können. Letztlich resultiert ein Konglomerat unterschiedlicher Fakto- ren, die im individuellen Zusammen- spiel und mit unterschiedlicher Ausprä- gung zur Delinquenz eines Betroftenen beitragen.
Neurobiologische Aspekte
Es gibt inzwischen zahlreiche Befunde zu genetischen, neurophysiologischen und morphologischen Veränderungen, die mit schizophrenen Erkrankungen einerseits und/oder mit aggressivem Ver- halten andererseits in Verbindung stehen
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Tab. 1: Forensisch-relevante Subtypen
ïUDtypen Paranoide Schizophrenie (F20.0)
Hebephrene Schizophrenie (F20.1)
Katatone Schizophrenie (F2O.2)
Wahnhafte Störung (F22.O)
Betrottene Bereiche
Wahrnehmung, Wahn, Halluzina- tionen
Aftektive Verände- rungen
Psychomotorik
Wahrnehmung, Wahn
Symptomatik
Verfolgungswahn, Ich-Störungen, Stimmen hören
Inadäquater, flacher Affekt, zielloses Verhalten, Denkstörungen
Stupor, Erregung, Haltungsstereo- typien, Negativismus
Liebeswahn, Eifersuchtswahn
Anmerkungen
Häufigster Subtyp Verfolgungswahn: sich in die Enge getrieben fühlen. keinen Ausweg wissen, vermeintliche Notwehrsituation ^ Gewalt
Sozialer Abstieg, Kritikminderung -^ Eigentumsdelikte
Selten: katatoner Erregungssturm mit ungerichteter Gewaltanwendung
Häufig auf spezifi- sche Person bezogen —> Gewalt gegen Partner und/oder vermeintlichen Nebenbuhler
(Übersicht bei Kalus [14]). Spezifische Auslöser bzw. hirnorganische Läsionen, die Gewalt begünstigen können, sind da- bei jedoch (noch) nicht identifiziert wor- den. Vielmehr ergibt sich eine den vorab dargestellten komplexen ätiologischen Bedingungen ähnliche Konstellation, bei der es vorwiegend um neurobiolo- gische Vulnerabilitäten geht, die je nach Lebenssituation und Krankheitsverlauf in unterschiedlicher Art und Intensität verhaltenswirksam werden können. Da- bei sind jene Hirnstrukturen, die gene- rell mit Aggressivität im Zusammenhang stehen, zu einem beträchtlichen Teil identisch mit jenen, die bei scbizopbre- nen Erkrankungen alteriert sind (orbi- tofrontaler Cortex, anteriorer cingulärer Cortex, Basalganglien und Amygdala). Gleicbes gilt für die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin, wobei bei schi- zophrenen Erkrankungen bzgl. Dopa- min in limbischen Hirnarealen, die für Flucht und Gegenwehr zuständig sind, eine Uberaktivität und in den frontalen Regionen, die für die Verhaltenshem- mung bzw. -kontroUe relevant sind, ein Serotoninmangel vorliegt.
Die biopsychosozialen Wechselwirkun- gen zwischen Lebensereignissen, Ver- baltensstilen bzw. neurobiologischen Faktoren und die daraus resultierenden Entstehungsmechanismen aggressiven Verhaltens bei schizophrenen Menschen lassen sich modellhaft darstellen (Abb. 1; vergl. [15,16]): Genetische Faktoren, prämorbide Persönlichkeit, Wertvorstel- lungen und Sozialisationserfahrungen bilden dabei die Grundlage, auf der sich
die schizophrenen Krankheitssymptome aber auch eine unabhängig davon be- stebende Gewaltbereitscbaft manifestie- ren. Diese Vulnerabilitäten werden von Faktoren wie Stress, Substanzabusus, Krankheitseinsicht und Behandlungs- möglichkeiten beeinflusst. Gewisse Symptomausprägungen können dann eine ängstlich gespannte Feindseligkeit und wehrhafte Grundstimmung hervor- rufen. Die infolge des Serotonindefizits krankheitsbedingt verminderte frontale Hemmung (top-down-Kontml\e) aggres- siven Verhaltens und die parallel dazu durch den Dopaminüberschuss erhöhte Reagibilität des limbischen Systems (bot- tom-up-drive) begünstigen aggressives Verhalten auf einer neurobiologischen Ebene. Dieses Modell ist zwar plastisch, hinsichtlich der Identifikation von Risi- kopatienten jedoch wenig hilfreich, denn es gilt für viele Patienten und sagt nichts darüber aus, ob und mit welcher Wahr- scheinlichkeit diese Patienten Gewalt ein- setzen.
Risikomerkmale
Mangels biologisch fassbarer Risiko- merkmale ist man darauf angewiesen, klinisch-psychopathologische Warnzei- chen für Gewaltdelikte deskriptiv zu er- fassen. Diese können nicht als sicherer Indikator für Gewalthandlungen gelten, sondern legen vorwiegend einen erhöh-
Drogen
Stress
Gene
Störung der Informations- verarbeitung,
kognitive Beurteilung
Top-down Kontrolle
Frontale Ver- haltensregulation
reduziert
\ Bottom-up drive
Amygdala, limbisches
System erhöht
Krankheits- symptome Paranoia,
Halluzinationen
Reaktion Flucht
Gegenwehr
Abb. 1: Entstehungsbedingungen von Aggressionen bei Schizophrenie.
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ten Betreuungsbedarf und ein sorgfäl- tiges Monitoring nahe. Dass es daran bislang fehlt, verdeutlichen Erhebungen in unterschiedlichen Massnahmeein- richtungen, nach denen bis zu 85% der infolge von Delikten zwangsweise unter- gebrachten Patienten, zuvor schon in der Allgemeinpsychiatrie behandelt worden waren [11]. Der Zeitraum zwischen Er- krankung und Aufnahme in einer Foren- sischen Klinik liegt bei ca. sieben Jahren [17]. In dieser Zeit wäre also Raum für präventive Bemühungen. Argumente für einen möglichst verbindlichen Behand- lungsrahmen, sei es ambulant oder stati- onär, ergeben sich bei Patienten, die:
• wiederholt im Rahmen akuter Krank- heitsphasen gewalttätig wurden,
• im Kontext dieser Gewalthandlungen Waffen eingesetzt haben,
• ihre Gewalthandlungen durch Wahn- symptome der Verfolgung und insbe- sondere leiblichen Beeinträchtigungen begründet haben,
• eine Tötungsabsicht oder massive Ver- letzungsabsicht bzw. einen sexuellen Übergriff vorhatten,
• eine Vorgeschichte mit Gewaltdelin- quenz auch unabhängig von der Schi- zophrenie aufweisen,
• einen massiven Drogenabusus aufwei- sen und intoxikiert Gewalt eingesetzt haben,
• einen erheblichen sozialen Abstieg erlitten haben und vor ungeklärten privaten, Wohn- und Arbeitsverhält- nissen steben,
• Gewalt angedroht haben, • im Vorfeld Suizidhandlungen began-
gen baben, • eine Vorgeschichte, bizarrer, mögli-
cherweise auch nicht strafbarer Fehl- handlungen aufweisen und/oder
• einen sozialen Rückzug bzw. eine mas- sive Verschlossenheit aufweisen [18,19].
Beim Vorliegen einer Risikokonstellati- on sollten die Betroftenen, insbesondere wenn sie wiederholt ibre Behandlung ei- genmächtig beendet bzw. die Medikation eigenmächtig reduziert oder abgesetzt ha- ben, einer fachärztlichen Versorgung zu- geführt werden. Sofern man als Hausarzt
Key messages • Schizophrene Menschen haben ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung
deutlich erhöhtes Risiko, gewalttätig zu werden; dennoch begehen nur einer unter 2000 Betroffenen ein Gewaltdelikt.
• Das von schizophrenen Patienten ausgehende Risiko für Mitglieder der Allge- meinbevölkerung ist gering.
• Von Gewalthandlungen gefährdet sind vorwiegend Angehörige und Mitglie- der des sozialen bzw. medizinischen Betreuungs- und Versorgungssystems.
• Schizophrene Patienten sind effektiv behandelbar, die Legalprognose ist in der Regel gut.
• Risikopatienten sollten einer fachärztlichen Behandlung zugeführt werden. Mit einem engmaschigen Monitoring kann auch bei nicht-complianten Pati- enten auf akute Krisensituationen reagiert werden.
Lernfragen 1. Welche der folgenden Aussagen zu Gewalt bei schizophrenen Patienten trifft
zu? (Einfachauswahl, eine richtige Antwort) a) Gewalttaten schizophrener Patienten zeichnen sich typischerweise durch
eine zufälHge Opferauswahl aus. b) Komorbidität beeinflusst das Risiko gewalttätigen Verhaltens bei schizo-
phrenen Patienten nicht. c) Das Risiko, einen gewaltbereiten schizophrenen Menschen zu treffen ist
weitaus geringer als das allgemeine Risiko, einen gewaltbereiten Menschen zu treffen.
d) Die Gewaltbereitschaft schizophrener Menschen ist therapeutisch schwer zu beeinflussen.
2. Welche der folgenden Situationen gilt als mögliches Warnzeichen eines beson- ders erhöhten Risikos für gewalttätiges Verhalten? (Einfachauswahl, eine rich- tige Antwort) a) Vorliegen einer katatonen Schizophrenie b) Wiederholte Drohungen mit Gewalt c) Krankheitsanamnese mit raschem, akutem Krankheitsbeginn und früher
stationärer Behandlung d) Selbständige Wobnsituation, auch bei ansonsten sozialpsychiatrisch gut
eingebundenen schizophrenen Patienten
3. Welche der folgenden Aussagen über die Behandlung von schizophrenen Pa- tienten mit einem individuell besonders erhöhten Gewaltrisiko trifft zu? (Ein- fachauswahl, eine richtige Antwort) a) Selbst bei guter Behandlung der schizophrenen Grunderkrankung bleibt
das Gewaltrisiko der betroffenen in der Regel hoch. b) Eine Behandlung mit Depotneuroleptika ist wegen der spezifischen anti-
aggressiven Wirkkomponente zu bevorzugen. c) Durch eine geeignete antipsychotische Behandlung lässt sich das Gewalt-
risiko effektiv senken. d) Eine Behandlung in der Allgemeinpsychiatrie ist in der Regel nicht
möglich.
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zuweisende Funktion hat, sollten Beden- ken hinsichtlich eines erhöhten Gewaltri- sikos gegenüber dem Facharzt aktiv the- matisiert werden. Gegebenenfalls können in Zusammenarbeit mit der Kindes-und Erwachsenenschutzbehörde Massnah- men wie eine fürsorgerische Unterbrin- gung (Fü) diskutiert und beschlossen werden, um zur Risikominimierung not- wendige Behandlungsmassnahmen - vor allem in Krisensituationen - auch bei malcomplianten oder behandlungsun- willigen Patienten durchzusetzen. Medi- kamentös ist langfristig der Einsatz von Depotneuroleptika anzustreben, wobei dies nicht in einer spezifisch antiaggres- siven Wirkung dieser Präparate, sondern aufgrund der verbesserten Kontrolle über die Einnahme und wegen der stabileren Plasmaspiegel begründet ist.
Legalprognose
Die Sinnhaftigkeit einer präventiven Behandlung erschliesst sich aus den Behandlungserfolgen im psychiatri- schen Massnahmebereich: Untersu- chungen zu Rückfaüraten von Straftä- tern [20,21] haben gezeigt, dass Häftlinge deutlich höhere Rückfallraten (48%) als Absolventen einer stationären Massnah- me (20%) haben. Noch geringer sind die Rückfallraten bei Tätern, die - wie dies bei schizophrenen Patienten oft der Fall ist - bei Verurteilung als schuldunfähig (4,5%) eingestuft wurden. Bei einer Op- timierung der Versorgung schwer kranker und gewaltbereiter schizophrener Patien- ten in der medizinischen Regelversorgung dürften ähnliche Behandlungs- und da- mit auch Präventionseftekte möglich sein. Dabei geht es keinesfalls darum. Betroffe- ne präventiv wegzusperren, sondern dar- um, über die Grenzen der medizinischen Disziplinen und der mit Betroffenen be- trauten Professionen bzw. Institutionen hinweg, für besonders problematische Fälle ein möglichst effektives interdiszip- linäres und -professionelles Helfernetz zu entwickeln. Lässt sich dabei eine adäquate medikamentöse Behandlung nicht sicher- stellen, muss es vorwiegend um eine eng-
maschige Verlaufskontrolle gehen. Wenn durch das sorgfältige Monitoring gesund- heitliche Krisen rechtzeitig erkannt und gegebenenfalls auch entschärft werden, kann auch diese Massnahme helfen, De- likte zu verhindern.
Abstract
Äs compared to the general population schizophrenic patients are at increased risk of becoming delinquent. The ma- jority of schizophrenic patients do not commit any crime, and the risk of the general population to be a target of a violent act by a person with schizo- phrenia is low. The causes of delin- quency in schizophrenia are complex, but certain risk characteristics (e.g. an accompanying substance abuse) have been identified. The treatability and legal prognosis of schizophrenic of- fenders are good, which suggests that establishing a suitable helpers network could also be used for violence preven- tion in patients at risk. Keywords: schizophrenia - delinquen- cy - violence - risk
Résumé
Les personnes schizophrènes ont en comparaison avec la population géné- rale un risque elevé de tomber dans la délinquance. La majorité des patients schizophrènes n'ont commis aucun crime, et Je risque de la population générale d'être affectée par un acte de violence par un schizophrène est faible. Les causes de la délinquance des schizo- phrènes sont complexes, mais certaines caractéristiques de risque (par exemple, un abus de substances d'accompagne- ment) ont pu être identifiées. La trai- tabilité et le prognostic ligal des délin- quants schizophrènes sont bons, ce qui suggère qu'un réseau d'aide adapté pourrait être utilisé aussi préventive- ment chez les patients à risque. Mots-dés: schizophrénie - délinquance - violence - risque
Korrespondenzadresse
PD Dr. med. Elmar Habermeyer Direktor Klinik für Forensische Psychiatrie Psychiatrische Universitätsklinik Zürich Lenggstrasse 31 8032 Zürich
lnteressensi<onflil<t: Die Autoren erklären, dass l<ein interessensi<onfiii<t besteht.
Manusi<ript eingereicht: 18.7.2013, revidierte Fassung angenommen: 4.9.2013.
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